Satellit#14

un-structured

Kuratiert von Daniela von Damaros

Harriet Groß . Sarah Loibl . Enrico Niemann . Keren Shalev

Eröffnung am Freitag, den 28. Januar 2022, 17 – 22 Uhr

Ausstellung 29. Januar – 12. März 2022

 

Begleitveranstaltungen zur Ausstellung:

Workshop zu Sol LeWitt’s „Open Cubes“ am Samstag, 12.02.2022, 10 – 13 Uhr

 

Kuratorenführung und Künstler*innengespräch mit Enrico Niemann und Harriet Groß am Samstag, den 12. März 2022 um 17 Uhr beides via Instagram Live Story (Kanal @dada4art) oder via Teilnahme vor Ort

Finissage am Samstag, den 12. März 2022, 18 – 21 Uhr

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Die Ausstellung „un-structured“, die vom 29. Januar bis 12. März 2022 im Rahmen des Satellit-Pro- gramms von Axel Obiger stattfindet und von Daniela von Damaros kuratiert ist, zeigt Arbeiten der vier in Berlin lebenden Künstler*innen Harriet Groß, Sarah Loibl, Enrico Niemann und Keren Shalev. Ihre Werke erweitern über eine raumgreifende Geste die Definitionen von Malerei, Skulptur und Zeichnung und treten darüber auch in Dialog mit der Architektur des Raumes.

 

Der Titel „un-structured“ (dt. „un-strukturiert“) bündelt also einerseits die Verschiebung von Grenzen, wie die des künstlerischen Mediums und der Architektur, und andererseits die Grundelemente im Gestaltungsprozess aller vertretenen Künstler*innen. Das sind die zwei vermeintlich konträr wirkenden Strukturprinzipien von Chaos („unstructured“) und Ordnung („structured“), sowie der Zustand ihrer Gleichzeitigkeit. Während des Ausstellungsrundgangs nimmt der Rezipient immersiv die Dynamiken zwischen den Strukturprinzipien wahr.

Die Ausstellung bespiegelt das Thema von Chaos und Ordnung in Hinblick auf einen anhaltenden Zustand von Instabilität, durch permanente Veränderungen im Außen, und den Versuch - aus einem natürlichen Bedürfnis nach Stabilität und Zugehörigkeit heraus - des Austarierens hin zu einer Ordnung. Und was wäre, wenn in einem Chaos Ordnung und Harmonie steckt? Wenn Chaos erst umfasstes wilden Durchei- nander sei, dann aber ein Zustand an der Schwelle zwischen Ordnung und Regellosigkeit sei?

 

Die Werke in der Ausstellung konfrontieren den Betrachtenden mit einer Bildsprache, die aus der Ver- bindung von Ordnung und Chaos, Leere und Fülle, Zufall und Komposition, solche Fragen ergründet. Eine Begegnung erfordert ein Einlassen auf Momente der Orientierungslosigkeit, den die meisten Menschen aus Angst vor einem Kontrollverlust vermeiden. Mit Mut zum „Unförmigen“ und einem Aushalten dieses Zustands spürt das Publikum dem darin verborgenen Potential nach: Was passiert, wenn wir Chaos zulas- sen? Liegt darin die Möglichkeit einer (neuen) Struktur oder sogar einer Harmonie verborgen?

Der Bindestrich im Ausstellungstitel markiert noch eine weitere, metaphysische Perspektive, auf das Thema: Es begreift Chaos und Ordnung als eine (Wort-)Einheit. Chaos könnte Übergang sein in einer Einheit. Heraklit (520-460 v.Chr.), der die Vielheit in einer Einheit sieht, definiert das Wesen der Welt in der Veränderung und im Wechsel. (Panta rhei, dt. „alles fließt“)

 

In der Natur lassen sich Einheiten sowie Transformationsprozesse als existentielle Größe am Beispiel von Eisbergen, den Aggregatzuständen von Wasser und dem Entstehen und Verschwinden von Atollen - und hierzulande von Halligen (Schwemminseln) - nachvollziehen. Ein Atoll befindet sich im permanen- ten Transformationsprozess durch den Auf- und Abbau von Gesteinsstrukturen. Wesentlich für diesen Prozess sind Korallenriffe, aber auch erloschene Vulkaninseln, auf denen einst als massive Basis erste „Saumriffe“ entstanden sind. Während die Vulkaninsel absinkt, baut sich das Riff weiter auf. Zwischen Insel und Riff entsteht eine Lagune und schließlich ein Atoll. Die Riffe als filigrane organische Struktur und empfindliches Ökosystem sind der permanenten Einwirkung durch die Kräfte des Meeres, ihrer Einwohner sowie der Winde ausgesetzt.

 

Lassen sich im Zeitalter des Anthropozän, wo der Mensch als planetare Kraft mit der Erdgeschichte un- mittelbar verwoben ist, solche prozesshaften Strukturen auch auf das Dasein des Menschen übertragen? Was wäre, wenn der Mensch sich als Einheit von Ordnung und Chaos begreift, Chaos zulässt und nach einer Balance von beidem strebt? Welcher neue Raum eröffnet sich dann? Liegt darin ein Zustand von Equilibrium verborgen? Wenn die erste Silbe des Titels gespiegelt als Lautumschrift für Englisch „new“ (dt. neu) gelesen wird, kann die Ausstellung auch als ein Impuls für ein neues Strukturprinzip gedeutet werden, dass das „Unförmige“ einbezieht und neue Handlungsansätzen für Gegenwart und Zukunft bereithalten kann.

 

– English text (short version) –

The group exhibition entitled “un-structured” will feature works by the four artists Harriet Groß, Sarah Loibl, Enrico Niemann and Keren Shalev. By means of an installative gesture, all exhibits break the boundaries of their medium, such as painting, sculpture and drawing. Their visual language is found in the simultaneity of structural principles such as chaos and order. In the exhibition, the viewer can immerse in the dynamics between the two seemingly contrary principles.

Bild: Tuvalu, Nanumea Atoll, Polynesien. Fotocredit: Filip Kulisev, Master QEP, FBIPP