Interview mit Harriet Groß

Miriam Bers für Axel Obiger

Harriet Groß, Tokyo Vocabulary I, 2013, Raumzeichnung mit Tape, Schnur, Papier_Metall Cuto

Harriet Groß, Tokyo Vocabulary I, 2013, Raumzeichnung mit Tape, Schnur, Papier/Metall Cutouts

Harriet Groß, Dem Wind durchlässig, 2018, Raumzeichnung mit Metallstangen, Gummischnur und

Harriet Groß, Dem Wind durchlässig, 2018, Raumzeichnung mit Metallstangen, Gummischnur und Tape

Miriam Bers: Welche Bedeutung hat die Linie für Dich, ist sie etwas Rationales oder geht es viel mehr um das Skulpturale im Raum bzw. vom Raum aus Gedachte: Freiräume, Zwischenräume, Licht- und Schattenräume?

 

Harriet Groß: Die Linie bildet Bezugssysteme aus, kartographiert und hat ein konstruktives Potential in sich. Da ich den Raum als mein eigentliches Material sehe, setze ich in ihm meine Linien wie Schnitte und schaffe zum einen Ordnungssysteme, die wie in meiner Arbeit „Störung“ (2015) ihr eigenes Gleichgewicht finden müssen. Diese Arbeit ist zugleich sehr fragil und doch in ihrer Beweglichkeit eigenartig robust. Gibt es eine Irritation an einem Teil, muss sich das gesamte System neu justieren. Diese Idee, die mich auch bei Michel Serres immer fasziniert hat, bildet eines der Grundelemente eines jeden kreativen Prozesses. Hier ist die Erinnerung in Form eines Prints der gleichen Arbeit in einem früheren Ausstellungskontext, die Stangen als reale Struktur und die Tape-Zeichnung als zukünftiges Element miteinander in Beziehung gesetzt.

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Harriet Groß, Störung, 2015, Raumzeichnung mit Stangen, Tape, Netz, C-Print

H.G. Linien besitzen auch die Fähigkeit Grenzen zu bilden. Diese Grenzen werden für mich zu Schwellen und Übergängen. Ich habe begonnen die Linie durch eine unendliche Wiederholung aufzufächern, wie z.B. in meiner raumfüllenden Installation „Gestrüpp“ (2019). Hier entwarfen die Linien ein Labyrinth, durch das der Betrachter wandern konnte. Die Stangen blieben trotz der ihr eigenen Starrheit vertikal wie horizontal, dank der teils farbigen Gummischnüre, beweglich und erzeugten einen kühlen Klang, sobald sie aneinanderstießen. Ein weiteres Beispiel für die Verknüpfung linearer Struktur, mit all ihren Unterbrechungen, und meiner Idee von Zwischenräumen als Schwellen und Grenzzonen, sind meine neueren Arbeiten zu Regen.

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Harriet Groß, Regen:R4:010, 2020, Tuschezeichnung, 102x66cm und Weißer Regen, 2020

M.B. Wann betrachtest Du (d)ein Werk als vollendet?

 

H.G. Es ist mir möglich für den jetzigen Zeitpunkt an diesem Ort eine Arbeit als eine stehende Aussage meiner Haltung zu bezeichnen. Die mir wichtige Beweglichkeit im Denken erreiche ich vielleicht mit dieser temporären Art des Arbeitens. Ich habe klare Pläne, nach denen ich vorgehe und doch entsteht die eigentliche Arbeit bei den Raumzeichnungen erst durch die Konzentration vor Ort. Zu einem anderen Zeitpunkt findet sich eine neue Form.

Ideen erneut durchzuspielen und ihnen andere Gewichtungen zu geben, verstärkt sie, prüft sie auf ihre Substanz. Da das Moment der Wiederholung mit seiner Einbindung des Zufalls und der Störung ein wesentlicher Bestandteil in meinen Arbeiten ist, würde ich sagen, keine Arbeit ist richtig vollendet und es erfordert eher einer ständigen Fortsetzung. Oft arbeite ich ja auch in Serien vor allem bei den Tuschezeichnungen. Der Flüchtigkeit der installativen Raumarbeiten entgegen standen früher meine Cutouts, die einen langen Prozess des Schneidens in sich tragen und deren Rolle heute meine feinen Tuschezeichnungen übernehmen. So bleibt es bei dem Wechselspiel von Ruhe und Dynamik.

 

M.B. Mit vorgefertigten Materialien wie Tape, (Zelt)Stangen, Netzen oder Jalousien schaffst Du – manchmal auch fragil wirkende - Kompositionen. Verweisen Titel wie ‚Nomaden’ oder ‚Störung’ auf aktuelle Tagesgeschehen oder sollen sie dem Betrachter als Raum für eigene Assoziationen dienen? 

 

H.G. Ich greife aktuelle Ereignisse auf, die bei mir etwas in Gang gesetzt haben, filtere und analysiere sie, die daraus entstandene Form hat oft keinerlei sichtbare Erinnerungsbrücke mehr zu dem Auslöser. Die Titel geben einen Hinweis und doch hoffe ich etwas Substanzielles dieser Ereignisse eingefangen zu haben.

 

Alles Überflüssige werfe ich dabei über Bord, um eine Grundstruktur zu erkennen, füge Neues teils aus ganz anderen Bereichen hinzu, um dann wieder zu entkernen. Bei diesem Prozess entstehen auch Leerflächen und leere Räume, die mir als Pausen sehr wichtig sind. Sie sind Teil des Ganzen und bieten Raum für Imagination. 

Mein Material Tape, Zeltstangen und Schnüre eignen sich wunderbar, um einer Flüchtigkeit von Gewissheiten in meinen Arbeiten Ausdruck zu verleihen.

Harriet Groß, Nomaden, 2018, Raumzeichnung mit Zeltstangen, Metall, Tape, Glas, Accoustic

Harriet Groß, Nomaden, 2018, Raumzeichnung mit Zeltstangen, Metall, Tape, Glas, Accoustic Mousse, C-Prints

M.B. Steht ‚Odradek’ von 2018 in diesem Zusammenhang?  Kann man es vielleicht als Schlüsselwerk zur Lektüre Deiner jüngeren Arbeiten betrachten? Kafkas literarischer Zwirnstern mit unbestimmtem Wohnsitz, der sich jeder Interpretation entzieht? Unsterblich, teils Objekt, teils Mensch? Das Bild im Bild? Wie sehr inspiriert Literatur Dein Werk und ist es letztlich erzählerisch?

 

H.G. Mich fasziniert daran die offene Möglichkeit seiner Lesart, die den Betrachter mit in die Erzeugung von Bedeutung hineinzieht, ihn beteiligt, ohne dass die gefundene Form ihre eigene Form verliert. Darüber hinaus interessiert mich das Kunstwerk als epistemologische Metapher, ganz wie es Eco‘s Konzept des offenen Kunstwerks entwirft.

Offenheit heißt dabei für mich nicht Beliebigkeit, sondern die Schaffung eines Möglichkeitsfeldes in seiner kommunikativen Struktur. Die Arbeiten sind nie direkt narrativ und doch entwickelt die von mir gefundene Form hoffentlich ihre Form der Narration. 

Harriet Groß, Odradek, 2018, Raumzeichnung mit Zeltstangen, Tape, C-Print auf japanischer

Harriet Groß, Odradek, 2018, Raumzeichnung mit Zeltstangen, Tape, C-Print auf japanischer Seide, Holzrahmen mit Tuschezeichnung, Gummi, Metall

M.B. Fuge I und II ließen mich in all ihrer Abstraktion (und noch vor der Lektüre der Titel) an Notenblätter denken. Hat Musik in Form von Klang Einfluss auf Deine Arbeit oder ist es vielmehr die Klangtheorie – ich muss hier spontan an Adorno denken - die Dich bewegt?

 

H.G. Eher hat mich Pierre Boulez mit seinen Theorien beeinflusst. Seine Idee den Klang räumlich zu sehen, die Dichotomie eines glatten und eines eingekerbten Raumes zu entwerfen, ein Kontinuum als die Möglichkeit von gleichzeitigem Diskontinuums durch Schnitte zu begreifen, die mir für meine Wahrnehmung nützliche Orientierungspunkte geben, finde ich spannend. Der Klang hält sich ja nicht an die euklidisch vorgegebenen Grenzen, es ist eine Erfahrung, die Grenzen überschreitet und sie durchlässig werden lässt.

 

Im Grunde sind meine Zeichnungen wie Kompositionen für den Raum, der seine Grenzen auffächert und öffnet. Oder wie Notationen meines Denk- und Wahrnehmungsprozesses. Ein Aufgreifen von gehörten Klangereignissen wie dem Regen oder auch Bachs Fugen, an beiden interessiert mich neben dem sinnlichen Zugang ebenso deren Struktur, die ich versuche in meine Zeichnungen zu übertragen.

Ein Auge im Ohr Oxymoron vielleicht.

Harriet Groß, Fuge II (001-012), 12-teilig, 2018, Tuschezeichnungen, je 33 x 48 cm.jpg

Harriet Groß, Fuge II (001-012), 12-teilig, 2018, Tuschezeichnungen, je 33 x 48 cm