Alltag im Ausnahmezustand

Interview mit Nathalie Grenzhaeuser - Miriam Bers für Axel Obiger

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Carnaval Caimanera, Video by N. Grenzhaeuser

Miriam Bers: Nathalie, Du eröffnest den Reigen für unser neues Interviewformat, das von nun an regelmäßig auf der Axel Obiger-Seite zu lesen ist. GaleriekünstlerInnen, Kuratoren und Gäste des Raumes kommen hier zu unterschiedlichen Gesichtspunkten gesellschaftlich relevanter Themen und ihrer Arbeit zu Wort.

Aktuell befindet sich die Welt in einer unserer Generation zumindest im realen Leben unbekannten Krisensituation. Über die Erde verbreitet sich ein Virus und bringt die Wirtschaft und einen Großteil des sozialen Lebens zum Erliegen. Wir kennen diese Szenarien vor allem aus Science Fiction Filmen. Nun hat die Realität die Fantasie eingeholt.

 

M.B. Bei der Beschäftigung mit Deinen fotografischen und filmischen Werken fällt mir auf, dass Du häufig die Normalität im Ausnahmezustand thematisierst. Was veranlasst Dich, Orte und Situationen zu reflektieren, die auf die eine oder andere Weise Ausnahmezustände darstellen?

 

Nathalie Grenzhaeuser: Das klingt dramatischer, als ich das in meiner Arbeit sehe. Die Situationen, die ich zeige, sehe ich nicht unbedingt als Ausnahmezustände, meinen letzten Film über den Karneval im kubanischen Sperrgebiet von Guantánamo Bay vielleicht ausgenommen. Ich sehe sie eher als Umbrüche, in denen sich die Umgebung, die Natur oder ein gesellschaftliches System im Aufbruch und Wandel befindet. Interessant sind diese Umbrüche generell, weil sehr intensive, teils auch existenzielle Momente generiert werden, die eine eigene Kraft und Dynamik haben. Sie lassen Dinge sichtbar werden, die vorher eher verdeckt waren, sie polarisieren und befördern neue Perspektiven. Dieser Prozess bietet immer auch Potenzial für Veränderung. In meiner Arbeit interessiert es mich, dieses Ungewisse und nicht Greifbare zu beschreiben. Diese Momente kanalisieren sich für mich in ganz bestimmten Zusammenhängen und Settings vor Ort, die ich in Bilder übersetze. In meiner fotografischen Arbeit tue ich das über eine Stilisierung ins Ikonenhafte. Die Stilisierung bedeutet für mich immer eine Art Essenzbildung des Moments. Sie ermöglicht es mir auch, über die eindeutige kulturelle Verortung der Motive hinauszuweisen. In dieser „Essenz“, suche ich für mich letztlich auch etwas universell Gültiges unserer Gegenwart herauszukristallisieren.

 

M.B. Beginnen wir mit den Arbeiten, die Du aktuell in der Galerie Axel Obiger zeigst. Es sind Foto- und Filmarbeiten, die deine Recherchen und Erlebnisse eigener Kubareisen aus den Jahren 2013–2016 reflektieren. Bezüglich deines Videos Carnaval Caimanera, das den Ort Caimanera im kubanischen Grenzgebiet von Guantánamo Bay zeigt ... also einen Ort an der Grenze zwischen geschichtsträchtigem US-Stützpunkt und kubanischem Sozialismus - welche Aspekte nimmst Du hier unter die Lupe?

 

N.G. Die Orte, an denen ich arbeite, sind oft aufgeladen durch ihre Geschichte, die geografischen Gegebenheiten oder das Klima. Für mich ist es interessant mit den möglichen Erwartungen und teilweise auch Klischees zu arbeiten, die sie vorab mit sich bringen, um mit diesen zu brechen oder Momente davon atmosphärisch einfließen zulassen. Im Fall von Carnaval Caimanera wollte ich das Portrait eines Ortes zeigen, der besondere Charakteristika aufweist wie Sperrgebiet mit aufgeladener Geschichte, Inselstatus innerhalb einer Insel usw. und das alles vor dem Hintergrund eines einfachen Volksfestes. Das zentrale Element innerhalb dieses Portraits sind die Gegenpole, die ich dort vorgefunden habe, die sich zwischen musikalischer Kakophonie und Stille und zwischen ekstatischer Festivität und einem Leben unter bestimmten Auflagen bewegen. Ein weiterer wichtiger Aspekt geht über die kulturell eindeutige Verortung hinaus und knüpft an unsere Gegenwart an. Dieser zeigt sich z.B. in der Szene mit der Riesenschaukel, deren waghalsiges Schwingen über einem nicht sichtbaren (Ab)Grund, durch die Musik scheinbar ins Unendliche fortgesetzt wird. Die Schaukel wird für mich hier zu einer Metapher mit zweifacher Bedeutung, einerseits für das menschliche Streben nach einem immer weiter wollen, immer mehr, immer schneller, zum anderen aber auch für ein sich nicht unterkriegen lassen.

Trailer Carnaval Caimanera - Guantànàmo/Cuba, Video by Nathalie Grenzhaeuser

M.B. Du thematisierst Phasen des Wandels, vermeintliche Widersprüche. Klimatische wie politische. Die Schönheit des Augenblicks, der romantische Blick auf den Strand aus dem Hotel in Havanna. Oder den Spaziergang auf der gespenstisch verlassenen Isla de la Juventud. In Fotografien und Filmen überarbeitete Eindrücke, teils technisch, farblich und strukturell ‚modelliert‘, häufig über Licht und Perspektive. Nach welchen Kriterien? 

 

N.G. Die Kriterien richten sich immer nach dem Ort und was ich über diesen aussagen möchte. In meinen fotografischen Arbeiten schaffe ich das vor allem über die Bearbeitung des Lichts und die Eingriffe in die Perspektive. Indem ich beispielsweise mehrere Aufnahmen vor Ort realisiere, die ich im Anschluss wie ein Puzzle wieder neu zusammensetze, entstehen perspektivische Verschiebungen und Erweiterungen des Raumes. Die Betrachtenden erfahren eine perspektivische und in Folge gedankliche (oder inhaltsbezogene) Irritation. So kann ich Spannungsmomente schaffen und meine Gedanken über das Abgebildete transportieren. Zusätzlich nutze ich die Emotionalität, die über die Lichtsetzung und Atmosphäre ausgelöst wird. Diese Aspekte dienen mir dazu, Bezüge herzustellen, die ungewohnte und auch neue Sichtweisen und Denkansätze ermöglichen. 

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Nathalie Grenzhaeuser, Havana Riviera 2018, aus der Serie La Marea, Lambdaprint, 112 x 150 cm

M.B. Mir scheint, der Sound spielt eine entscheidende, wichtige Rolle in deinem filmischen Werk. In deinem Film Isla de la Juvendhud /Insel der Jugend, der während der Ausstellung bei Axel Obiger gezeigt wurde ist er Leitmotiv und dramatisiert den fast menschenleeren Ort. 

 

N.G. Interessant, das du das als Dramatisierung wahrgenommen hast ... Der Sound ist in dieser Arbeit vor allem als eigenes Hörstück angelegt, der die prägnantesten Orte der Insel, die Bildungsinternate für die sozialistische Jugend und das Panoptikum-Gefängnis „Presideo Modelo“ – beides heute Ruinen – über die Tonebene mit einer neuen Alltäglichkeit und Gegenwart belebt. Die Gestalt der Bauten ist eindrücklich, vielleicht auch dramatisch, zumindest das Gefängnis ... der Sound wiederum ist das Gegenteil. Er setzt sich z.B. aus Field Recordings vom Alltag auf der Kuba vorgelagerten Insel zusammen, aus der Erkennungsmelodie der kubanischen Nachrichten und aus Intros von Musikstücken, die das Gezeigte konterkarieren, da sie mit dem unterschiedlich Pathetischen dieser Musik arbeiten. In der Kombination dieser Kontraste zwischen der Bild- und der Tonebene vermittelt sich für mich der Bedeutungswandel dieser Orte, die ja auch prägend für ein gesellschaftliches System waren.

Videostill aus Isla de la Juventud von Nathalie Grenzhaeuser, 4-55 min. mit Ton, 2020.jpg

Videostill aus Isla de la Juventud von Nathalie Grenzhaeuser, 4:55 min. mit Ton, 2020

M.B. Die Beispiele Arktis und Kuba: Wie bewegst Du Dich auf Reisen? Wie passt Du Dich den Umständen an? Bist Du stille unentdeckte Beobachterin?  Und bedeutet Reisen für Dich zugleich künstlerische Obsession? 

 

N.G. Viel hängt von den Gegebenheiten des Ortes ab und von dem Konzept, das ich dort umsetzen möchte. Meist ist zunächst eine umfangreiche Planung und Recherche nötig, wie bei meinem Kuba-Projekt oder bei den Arctic Series, an denen ich zwischen 2006 und 2016 gearbeitet habe. Neben diesen Aspekten sind aber vor allem Offenheit, Begeisterungsfähigkeit und Ausdauer wesentlich, weil sie den Weg für Neues bereiten. Darüber ergeben sich oft vor Ort die Kontakte, die mir gewisse Möglichkeiten überhaupt erst eröffnen. Beim Fotografieren und Filmen ist es mir wichtig, auf natürliche Weise Teil des Geschehens zu werden, ohne auffällig zu sein oder zu stören. Dieses Vorgehen erfordert Zeit und Feingefühl, besonders wenn die Umstände so komplex sind wie bei dem Caimanera-Projekt. Was die Bedeutung des Reisens anbelangt, so liegt diese für mich in der Auseinandersetzung mit dem Fremden, das Eigene zu erkennen. Für mich ist es spannend, diesen Prozess in Bilder und Filme zu übersetzen.

Nathalie Grenzhaeuser, Parallelen Treffen sich im Universum, Ausstellungsansicht, April 20

Nathalie Grenzhaeuser, Serie La Marea, Kuba. Installation View at Axel Obiger Berlin, 2020