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Interview mit Alke Brinkmann - Miriam Bers für Axel Obiger  

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Alke Brinkmann, Tote Mutter, 290 x 170 cm, Acryl auf Nessel, 1994

Miriam Bers: Dein Werk ist äußerst breitgefächert und reicht von Naturdarstellungen über Porträts bis hin zur Auseinandersetzung mit (kunst)historischen Themen. Du schöpfst aus privaten wie öffentlichen Sujets, die in der Vergangenheit und in der Gegenwart liegen. 9/11, die Weltanschauung der eigenen Großmutter, schillernde Waldlichtungen oder -brände, Tierdarstellungen und apokalyptische Motive. 

 

M.B. Ist es Deine Geschichte und sind es Tageserlebnisse, die Deine Themenauswahl bestimmen? 

 

Alke Brinkmann: Während ich noch an der Kunsthochschule studierte, versank meine Mutter in einer Depression, die sie mit Medikamenten und Alkohol bekämpfte. Ihr Zustand verschlechterte sich, als dann auch noch bei meinem Vater eine Krebserkrankung erkannt wurde und er sich mehreren Operationen unterziehen musste. Beide haben ihre Krankheit nicht überlebt. 

Wenn ich in dieser Zeit die Kunst nicht gehabt hätte, wäre ich glaube ich nicht so unbeschadet durch diese Zeit gekommen. 

 

Diese für mich so belastenden Themen habe ich in meinen Bildern verarbeitet. Das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber der Depression meiner Mutter sehr direkt und auch konfliktgeladen. Die Emotion zur Krankheit und zum Tod meines Vaters vielmehr über den Gedanken der Erlösung und einer Nähe, die ich damit zu ihm aufbauen konnte“. 

 

Meine Arbeiten kreisten dann oft um den Grundkonflikt meiner Mutter. Ich glaube sie litt sehr unter den Eindrücken des Krieges und der so unendlich großen Schuld, die die Generation ihrer Eltern und auch ihre Eltern selbst zu verantworten hatten. Meine Themen stellten die Frage, welchen Wert Menschen anderen Menschen zugestehen. Sie ist auch heute relevant, wenn man sich z.B. den Umgang mit Flüchtlingen vor Augen führt. Empathie und die Bereitschaft sich in das Schicksal anderer Menschen hineinzudenken ist für mich der Schlüssel bei der Lösung zwischenmenschlicher Konflikte. Den anderen Menschen zuerst als Menschen zu sehen, mit Bedürfnissen, die jeder einzelne von uns in der gleichen Situation auch hätte, ist eine Fähigkeit, die man wertschätzen und fördern muss. 

 

M.B. Liegen Deinen Arbeiten immer Bildvorlagen als Ausgangspunkt zugrunde, die Du dann veränderst oder entstehen Bilder auch rein aus dem Kopf? 

 

A.B. Meistens arbeite ich mit Bildvorlagen. Das fertige Bild ist aber oft sehr weit vom Original entfernt. Die Fotos der Landschaften und Objekte sind für mich so etwas, wie eine Skizze. Mit der Kamera halte ich eine Stimmung fest, sie gibt aber nicht das wieder, was ich empfunden habe. Das Bild der Kamera dient nur als Hilfe, um die gesehene und empfundene Stimmung einer Landschaft festzuhalten. Beim Malen rekonstruiere ich dann den Moment. Bei meinen neuen Bildern gehe ich jedoch anders vor. Meistens dienen Bilder aus der Wissenschaft als Anfangspunkt einer Reise, deren Ergebnis ich nicht kenne. 

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Alke Brinkmann, We have never known you, je 24 x 19 cm, Öl auf Leinwand, 2008

M.B. Regelmäßig tauchen psychologische Momente wie Trauer oder Verlust auf, mitunter persönlich geprägt. In der Porträtserie ‚we have never known you’ schaffst Du eine Art anonymes Trauerbild. In diesen ‚Porträts’ haben die Dargestellten letztlich keine Identität. Das geschieht unter anderem mittels Deiner hierfür verwandten Maltechnik. Was hat Dich bewegt und wie hast Du zu dieser Art der Darstellung gefunden? 

 

A.B. Die Bilder, die diese Serie ermöglicht haben, waren ursprünglich von einem Rechtsanwalt zusammengestellt worden, um jedem Opfer in einem Prozess ein Gesicht zu geben. 

 Im Internet waren sie so verpixelt dass die Personen nicht mehr zu erkennen waren. So habe ich sie dann auch gemalt, denn diese Entfremdung führt dazu, dass man in die Bilder Personen hinein projiziert, die man selbst kennt: „Das hier könnte meine Tante sein, der hier mein Vater, diese Frau sieht aus, wie meine Schwester.“

 

Durch den Verlust der konkreten Identität werden diese Bilder viel persönlicher. Man begreift, dass es die eigene Schwester hätte gewesen sei können, die im WTC starb. Letztendlich starb am 11. September 2001 eine völlig willkürliche Auswahl von Menschen. Der Grund, weshalb mich diese Bilder so intensiv beschäftigten liegt darin, dass meine Schwester damals für eine Firma arbeitete, die auch im WTC Büros gemietet hatte. Es war ein Zufall, dass sie in der Filiale in Brooklyn arbeitete. Viele Mitarbeiter der Firma sind damals umgekommen und auch der Schwiegersohn ihres Lieblingschefs. Er starb dort als Feuerwehmann. Es ging uns sehr nahe.

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Alke Brinkmann, Feng Jianmei, 130 x 230 cm, Öl auf Leinwand, 2013

M.B. Du setzt Dich ebenso politisch mit öffentlichem Bildmaterial auseinander, wie etwa in der Arbeit ‚Feng Jianmei’, der Geschichte einer jungen chinesischen Mutter, die vom Staat gezwungen wurde ihr zweites Kind abzutreiben. Entstammt Deine Vorlage/Abbildung einem Pressebild oder wer hat das Motiv in Umlauf gebracht? 

 

A.B. Das Bild wurde wahrscheinlich von der Familie selbst in Umlauf gemacht, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Wer es gemacht hat, weiß man nicht.

 

M.B. Im Weiteren kommst Du hier auch auf Manets Olympia. Hat der Fotograf das Motiv gekannt?

 

A.B. Für uns Europäer und für mich als Künstlerin ist das Bild „Olympia“ von Manet eine wichtige Ikone der Kunstgeschichte. Wie es in China rezipiert wird, kann ich nicht beurteilen. Das Foto von Feng Jianmei, das ich benutzt habe, wurde wenige Stunden nach dem Eingriff gemacht. Es gibt jedoch noch weitere Fotos, in denen man die Frau mit ihrem toten Kind sieht. Es war schon ziemlich groß, denn diese Abtreibung fand im siebten Monat statt. Sie sind sehr verstörend, ganz anders als das Foto, das mir als Vorlage diente. Es ist sehr merkwürdig, besonders, wenn man es mit den anderen vergleicht. Es hat etwas Inszeniertes, etwas Künstliches. Es ist schwer zu beschreiben. Die Unschärfe verklärt den Zustand der Frau, die rote Tüte mit den Bananen wirkt wie nachträglich montiert (auf den anderen Aufnahmen ist eine gepunktete Tüte zu sehen). Die anderen Bilder wirken viel authentischer und auch brutaler. Sie sind schwer auszuhalten. Der Bildaufbau ist nicht durchdacht, sondern spontan. Die Nähe dieses Fotos zu dem Bildaufbau von Manets Olympia ist aber wahrscheinlich eher Zufall. Mir ist sie sofort aufgefallen. Für mich wurde diese Frau genauso „ausgestellt“, wie die nackte Prostituierte, nur dass Olympia selbstbewusst den Betrachter ansieht. Feng Jianmeis Elend wird öffentlich ausgestellt, um eine Ungerechtigkeit anzuprangern. Trotz der guten Absicht wird sie auf diese Weise erneut zu einem Opfer. 

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Alke Brinkmann, Himmel III, 200 x 260 cm, Öl auf Leinwand 2013

M.B. Du hast über die Beschäftigung mit apokalyptischen Tafelbildern von Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel d.Ä. beeindruckende großformatige Serien geschaffen. Sie reflektieren die damals noch religiös geprägte Thematik und verwandeln sie in stellare Konstellationen, Ansichten vom Universum. Für mich haben sie dennoch Anklänge an esoterische Motive. Wie stehst Du als Künstlerin, zugleich Biologin zur Metaphysik, zu spirituellen Dingen, zu dem was zwischen den Zeilen steht und vielleicht nicht greifbar ist?

 

A.B. Diese Frage ist gar nicht leicht zu beantworten. Wissenschaftler*innen stellen Hypothesen auf und versuche diese mit Experimenten zu beweisen. Manchen Wissenschaftler*innen, die große Entdeckungen gemacht haben sind aber die entscheidenden Ideen nicht im Labor eingefallen. Sie haben Zufälle genutzt, (Alexander Flemming), geträumt (Kekulé), sie hatten einen Geistesblitz unter der Dusche oder beim Kaffeetrinken mit einer Kollegin, einem Kollegen. Fritjof Capra hat 1975 in seinem Buch „Das Tao der Physik“ die Erkenntnisprozesse von westlichen Wissenschaftler*innen mit denen östlicher Philosophien verglichen und kam zu dem Schluss, dass man auch mit professionellen Meditationstechniken zu ähnlichen Erkenntnissen über die Welt gelangen kann, wie mit wissenschaftlichen Methoden. Witzigerweise sind es oft die Physiker, die solche Bücher schreiben. In der Kunst gibt es auch viele Versuche Intuition als Mittel zur Erkenntnis zu Nutzen. Hilma af Klint ist eine solche Malerin. Auf ihrem Bild „Group IX/UW, The Dove, No 1 von 1915 ist eine Doppelhelix das zentrale Element. Dass die Doppelhelix in der Genetik eine so entscheidende Rolle spielt war damals noch nicht bekannt.

 

Als esoterisch würde ich mich nicht bezeichnen. Vielleicht eher als metaphysisch oder holistisch. Rein mechanisch denkende Wissenschaftler, wie z.B. Richard Dawkins interessieren mich nicht. Ich lese viel lieber Bücher von Daniel Dennet. 

Wir sind sicherlich keine rein molekular gesteuerten Maschinen. Leben nur aus der DNA heraus zu denken wird dem Leben nicht gerecht. Vielleicht ist vielmehr die Zellmembran das Gehirn unserer Zellen und nicht die DNA (Bruce H. Lipton). Interessant ist auch, wie und weshalb die DNA modifiziert wird. Durch bestimmte Moleküle wird gesteuert, welche Teile überhaupt genutzt werden. Das, was das Leben ausmacht ist komplex und rein wissenschaftlich nicht zu beantworten.

 

In meinen neuen Bildern versuche ich den Modellen, die aus der Wissenschaft kommen einen Raum zu eröffnen, der sie zu mehr macht als von hinten beleuchtete Abbildungen auf einem Bildschirm. Malen ist jedoch auch immer eine Reise in das Unterbewusste. Ich fange mit einem Bild des Universums an und lande dann bei den Aufnahmen meiner letzten Mammografie. Die Dinge ähneln sich auf bestimmten Ebenen, weil sie natürlich sind und alles Natürliche den gleichen Ursprung hat und ähnlichen Grundprinzipien folgt.  

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Alke Brinkmann, Natura Vivente, Mischtechnik auf Holz ca. 126 x 203 cm, 2018